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Bär 4

Update: 29. Oktober 2017

Thema: Astronomie aus dem Rollstuhl: GEHT DAS ?

Bei der Arbeit - verkleinertes Bild DSC02187

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Astronomie aus dem Rollstuhl - geht das ?

Dieser Beitrag soll Amateuren mit starken körperlichen Einschränkungen Mut und Ideen liefern, wie das Hobby Astronomie
trotz Handicap technisch zu bewerkstelligen ist.

Ich habe diesen Beitrag im VDS Journal für Astronomie III / 2017 veröffentlicht.

Hier ist der Ansatz!, JA ES GEHT !
Und das besser als wir, in diesem Fall der von einer schweren Lähmung betroffene Christian Dirks und ich als unterstützender
Amateur, anfangs angenommen haben !

Ausgangslage:

Himmelsbeobachtungen mit 12" Dobson am famosem italienischen Himmel endeten abrupt, als mein Astrokollege Christian Dirks
akute Lähmungserscheinungen am gesamten Bewegungsapparat erlitt. Die Handhabung des schweren Dobson-Teleskops
war aus dem Rollstuhl heraus nicht mehr zu bewerkstelligen.
Nach dem krankheitsbedingten Ortswechsel von Italien an den Bodensee haben wir gemeinsam ein Konzept überlegt, die Astronomienwünsche meines Freundes zu reaktivieren.

Erste Überlegungen zur technischen Ausrüstung:
 Was scheidet aus?
Manuell zu bewegende Newton-Teleskope
, weil deren Okularanordnung bei der Beobachtung und Objektsuche einen großen Schwenkbereich
in allen Achsen erfordert. 
Refraktoren mit parallaktischer Montierung Der Schwenkbereich des Refraktors ist zu groß und das Okular nur mit Verrenkungen aus der Rollstuhlposition zu erreichen.
Jegliche manuelle Objektsuche Dies ist auch für besser bewegliche Astrofreunde manchmal ein echtes Problem.

Was ist erforderlich (3 wesentliche Forderungen)?
Ein Teleskop mit moderner Initialisierung und computerunterstützter Objektfindung.
Ein leicht fahrbarer Untersatz.
Konsequente Einhandbedienung mit Okularposition zur Seite; aus der Rollstuhlposition bequem zu erreichen !

Anm. d.V. An der Stelle hatte ich als fortgeschrittener Amateur mächtiges Bauchgrummeln, da ich entschiedener Verfechter solider, parallaktischer Montierung (Losmandy G11) bestückt mit großer Optik (10" F4 N) bin und einfachen Astrocomputer-gestützten Teleskopen "fernöstlicher Herkunft" tiefes Misstrauen entgegen bringe. Und dieses etwas gewagte Projekt durfte nicht schief gehen.

 

1. Stufe der technischen Umsetzung

Teleskop: Wir haben uns für das Meade Light Switch ACF8 entschieden
, es ist von der Baugröße, Gewicht und Preisrahmen vertretbar.
SC Optik. Hauptspiegel: Pyrex Öffnung: 203 mm (8") Brennweite, Öffnungsverhältnis: 2032 mm, f/10
Steuerung aller Funktionen mit Hilfe der MEADE Handsteuerung

Warum dieses Teleskop ?
Über seine GPS-Steuerung u. Selbstnivellierung weiß dieses Teleskop, wo es steht, es erkennt Datum und Uhrzeit
und nordet sich selbst ein. Die integrierte CCD-Kamera im Teleskop ersetzt in einem zweiten Initialisierungsschritt das menschliche
Auge, indem es sich selbstständig auf ein intern gespeichertes Sternfeld ausrichtet.
Alle weiteren Steuerungsfunktionen des Teleskops erfolgen dann über den mitgelieferten Astro-Computer der Handsteuerung.
 
Bedienung Einhand !

Okularseitig
Ein Motorfokus ist unerlässlich
, wenn sich der Bewegungsspielraum des Beobachters über einen längeren Beobachtungszeitraum weitgehend
auf einen Arm und eine Hand reduziert. Die Fokussierung erfolgt über die gleiche Handsteuerung des Teleskops.
Okulare
Ausschließlich gute Weitfeldokulare
mit problemlosem Einblickverhalten.
Anfänglich wurden ein Baader Großfeldbino und Okulare der Meade 5000er Serie an einem 90° Spiegel eingesetzt.
Diese ungewöhnliche Anordnung ermöglichte binokulares Sehen aus der Rollstuhlposition.
Es wurden zwei 24 mm bzw. zwei 16 mm Okulare verwendet. Größere Brennweiten passten nicht in das Bino (Augenabstand),
kürzere Brennweiten brachten zu hohe Vergrößerungen, weil ein Glasweg- Korrektor mit Faktor 1,7 erforderlich war,
um das Bino in den Fokus zu bringen.

Unterbau (Stativ)
Das Meade Originalstativ
, es ist leicht beweglich mit stabiler Rollspinne (JMI Telescopes Universal Rollenuntersatz).
Dieser wurde mit deutlich größeren Rollen und die schraubbaren Stützen wurden mit großen Handrädern versehen, um sie mit schwachen Kräften einhändig bedienen zu können.
 
Bedienung Einhand !

Stromversorgung
In der ersten Stufe mit Netzkabeln, Verteilerdosen, etc. = unpraktisch !
In einer zweiten Stufe wurde eine Akkustation auf der Spinne platziert.
So sieht die erste Stufe in der Praxis aus: Lange, kalte Nächte auf dem Balkon mit tatkräftiger Unterstützung der gewieften
Astro-Assistentin-Ehefrau brachten achtenswerten Beobachtungserfolg.

Dann stand der Winter vor der Tür!
Wir beratschlagten, wie wir die Steuerung aus der Wohnung heraus mit Leitungen durch den Türspalt vornehmen können.

 

2. Stufe: Der Wunsch Christians: im Warmen sitzen und trotzdem Sterne am PC-Bildschirm beobachten


Das geht natürlich nur mit der Kamera am Rohr und einem daran angeschlossenen PC. Eine ATIK Infinity Farbkamera dient zusammen
mit einem Notebook als Augenersatz. Der 90° Spiegel wurde durch einen Klappspiegel mit Click-Lock Arretierung der Okulare
erweitert. Dieser ermöglicht die seitliche Beobachtung, die Vorfokussierung und Kameraanwendung aus der Rollstuhlposition.
Bedienung Einhand !

Verkabeln (vom Außen nach Innen)
Die Meade Handsteuerung lässt sich mit einem preiswerten 4-poligen Telefonkabel aus dem Baumarkt problemlos auf
bis zu 10 m verlängern.
Die 4-poligen Ein- und Ausgangsstecker für die Meade Handsteuerung müssen seitenverkehrt aufgecrimpt sein.
Das Meade Spiralkabel der Teleskop-Handsteuerung zeigt die korrekte Steckerbelegung der 4-farbigen Litzen.
Crimpjob bei einem Telefonservice durchführen oder das Kabel durchschneiden und die Drähte seitenverkehrt zusammenlöten.

Die USB-Datenleitung der ATIK Infinity Kamera zum PC erfolgte mit einem aktiven USB-Verlängerungskabel mit 5 m Länge.

Ergebnis der Stufe 2
Christian saß strahlend vor seinem PC und konnte die Steuerung mit Datenübertragung der Bilder im Warmen bewerkstelligen.
Bedienung Einhand !

Problem:
Die Kabel vom Teleskop und Kamera mussten durch die leicht geöffnete Türe in die Wohnung geführt werden. Das funktioniert im
Herbst, jedoch im Winter nicht ohne Ehekrise!
Die ATIK-Kamera liefert enorme Datenmengen. Christian: Mit den Kabeln hat das Infinity Programm recht gut gearbeitet.
 Damit sind recht schöne Bilder entstanden, zum Beispiel der Orionnebel.

 

3. Stufe Finaler Schritt = Drahtlose Bild- und Datenübertragung per W-LAN

Ersatz des MEADE Handsteuerungskabels durch ein 4-adriges Standard-Telefonkabel mit 10 m Länge und Wanddurchführung
bis zum Standort des Teleskops. Das Teleskop kann jetzt in allen Funktionen, incl. Motorfokus (!) von innen bedient werden.
Bedienung Einhand !

Übertragung der ATIK-Kameradaten (Steuerung und Bilder) per USB-Schnittstelle der Kamera mit einem Raspberry-PI Mini-PC
(unter 50 € erhältlich) via W-LAN. Die Versorgungsbatterie für den Raspberry-PI Computer und der Kamera wurden in einem Kunststoffkästchen untergebracht, dieses wurde direkt an den Teleskoprahmen angeklebt. Dadurch drehen der Raspberry PC und die Batterie mit dem Teleskop mit,
es können sich keine Kabel verheddern. Astronomie aus dem Rollstuhl redaktioneller Beitrag zum Journal für Astronomie
Tipp:
Bei der W-LAN Übertragung im 12cm Bandbereich können dicke Wände und Mehrfachverglasung hinderlich sein.
Abhilfe bringt in diesem Fall ein WLAN Access Point mit besonders leistungsfähigen Antennen. Eine preiswerte Yagiantenne *
erweitert die Reichweite des W-LAN Signals zum Außenstandort. * Hier kamen Christians Amateurfunk-Erfahrungen zum Tragen.

FAZIT
Auch mit erheblicher Einschränkung eigener Mobilität, gebunden an einen Rollstuhl, kann das Hobby Astronomie mit Überzeugung
und Spaß ausgeübt werden.

Es müssen entsprechend der individuellen körperlichen Einschränkungen nicht alle beschriebenen Stufen durchgeführt werden;
es können auch vereinfachte Zwischenschritte zu einer befriedigenden Arbeit am Teleskop führen.

A.d.V. Unserem Bauchgrummeln über computergesteuerte Teleskope ist Erleichterung gewichen.
Unsere Technik funktioniert und kann für Astrokollegen mit vergleichbarem Handicap die Chance bieten ein bereits aufgegebenes Hobby wieder
aufzugreifen. Es wäre für uns beide, Christian und mich, eine große Freude wenn dieser Bericht Resonanz bei betroffenen Personen
und in der Amateur-Astronomie finden würde.

 

 

Gibt es Alternativen ?

Der Erfolg dieses Konzeptes hatte einen weiteren Wunsch zur Folge.
Weitfeld-Beobachtung mit einem modernen Apochromaten.
Forderung: Komfortable Visuelle Beobachtung aus dem Rollstuhl

1. Optik
Lichtstarker kurzbrennweitiger Apochromat TS Photoline 107mm f/6,5 Triplet-FPL53-Apo
- teilbarer Tubus
Okularseitig ein 90° Spiegel mit einem Baader Großfeldbino mit Clic-Lock Okularaufnahme mit 82° Weitfeld-Okularen
von Explore Scientific. Speziell für Großfeldbeobachtung wird ein einzelnes Okular EXPLORE SCIENTIFIC 82° N2 30mm (2") verwendet.

2. Montierung
iOptron MiniTower PRO - GoTo-Montierung
Azimutal mit GPS und automatischer Initialisierung und Objektsuche.

3. Aufstellung
Christian hat eine Podest-Halterung am Balkon-Geländer gezaubert.
Vorteil für einen Beobachter mit Rollstuhl-Handicap: keine hinderlichen Stativbeine.
Wenn man stehen kann, sind diese Stativbeine kein Problem; im Rolli sind sie ein gewaltiges Hindernis.
Die Aluminiumplattform löst dieses Problem.
Die Montierung wird mit nur einer zentralen M12 Schraube fixiert, danach nivelliert und ist damit dauerhaft einsetzbar.

4. Leichte Bedienung und Objekt-Beobachtung.
Voraussetzung für die leichte Bedienung während der Beobachtung ist gute Vorbereitung am Nachmittag.
Unabdingbar ist die Bestückung mit Okularen am Nachmittag, da hierfür Hilfe benötigt wird. Während der Beobachtungszeit
wird dann hierbei nichts mehr verändert. Wegen der fehlenden Stativbeine, kann von allen Seiten zur Beobachtung an den Tisch herangefahren werden. Dem Einblick in der Höhe kann durch elektrisches aufwärts- und abwärtsfahren des Rollstuhlsitzes
um mehr als einen halben Meter gefolgt werden. Die computergesteuerte azimutale GPS-Montierung erleichtert dabei
enorm die Objektsuche.
Bedienung auch hier: Einhand !

Verfasser: Dipl. Ing. FH Hans-Georg Mohr e-Mail: hans-georg.mohr@web.de HP: www.salem-astronomie.com
Co-Autor: Ein wieder überzeugter Hobbyastronom: Prof. Christian Dirks / e-Mail: emvprof@emv.biz / Rufzeichen: DJ4TM

Bild 1 Stativkonstruktion DSC04064
Bild 2 Stativ Feststellschrauben DSC04064
Bild 3 Christian Dirks am Rohr und erster Funktionstest
Bild 4 Steckerbelegung DSC04067
Bild 6 Das fahrbare Teleskop mit Stomversorgung DSC04089
Bild 5 Anbringung des Raspberry und USB Stromversorgung für Kamera & PC kleiner DSC04091
7- Sichtprüfung mit hochgefahrenem Rollstuhllift kleiner DSC04082